Was ist Taiji/T'ai-chi?
Die philosophische Grundlage
Unterschiedliche Schulen und Stile
Unterschiedliche Schreibweisen
T'ai-chi (...) kommt aus der klassischen Tradition und Kultur Chinas ..." und gehört zur sanften und inneren Schule der Kampfkünste, weshalb es auch Meditation in Bewegung genannt wird. Taiji (T'ai-chi) kann mit Waffen (z. B. Schwert, Stock, Säbel), als auch anderen Hilfsmitteln (z. B. Ball) oder ausschließlich mit dem eigenen Körper (ch'üan/quan = Faust, ohne Waffe) praktiziert werden. "Ein wesentliches Kennzeichen des T'ai-chi (...) ist, dass sowohl der gesamte Körper gekräftigt als auch das Qi (die Lebensenergie) gemehrt werden soll.
Beim Taiji werden langsame und kontrollierte Bewegungen mit bewusster Atmung und Körperhaltung sowie visueller und geistiger Aufmerksamkeit und Vorstellungskraft kombiniert. Sowohl die linke als auch die rechte Gehirnhälfte sind integriert, was Aufmerksamkeit, Konzentrations- und Lernfähigkeit fördert.
Eine Entspannung der Glieder und des Rumpfes hat für viele Erkrankungen eine heilende Wirkung. Dies gilt sowohl für geistig-emotionale Disharmonien wie auch für körperliche.
Allein dadurch, dass die entspannten Bewegungen des Taiji in Ruhe und Achtsamkeit ausgeführt werden, wird die Heilung nervöser Überreiztheit und psychologisch-emotionaler Erkrankungen stark unterstützt. Aber auch im Aufbau der Übungen selbst liegen Abläufe, die uns über die körperliche Bewegung helfen, in geistig-emotionale Ausgeglichenheit zu kommen.

Bei physiologischen Erkrankungen Krankheiten mit körperlichen Symptomen , die nach vielerlei Lehren ihre Ursache ohnedies auf anderen als der körperlichen Ebene haben, ist die Wirkung des Taiji ebenfalls beachtlich. So sei hier erwähnt, dass die tiefe Bauchatmung im Taiji eine starke Entlastung des Herzens zur Folge hat. Außerdem wirkt sie sich positiv auf die Flexibilität des Zwerchfells und der Bauchmuskulatur aus. Durch die Bewegungen des Taiji werden die inneren Organe massiert, was u. a. die Verdauung und Durchblutung unterstützt. Der ständige Gewichtswechsel in den Beinen führt zur Stärkung der Muskel-Venen-Pumpe, was ebenfalls die Durchblutung und damit den gesamten Menschen unterstützt. Durch die gerade Körperhaltung werden sämtliche Gelenke des Haltungsapparates einschließlich der Wirbelsäule entlastet. Folge ist, dass die Nervenleitungen besser funktionieren, der Druck auf die Bandscheiben sinkt, die Knie-, Hüft- und Fußgelenke entlastet und flexibler werden. Die Bewegung der Gelenke erfolgt beim Taiji mit Leichtigkeit und fördert die Bildung von Gelenkflüssigkeit, alle Muskeln, Sehnen, Gelenke und Knochen werden auf ausgewogene Art gefordert und gefördert.
In China heißt es oft, dass die Alterssteifheit in den Füßen beginnt. Die Füße werden mit den Wurzeln eines Baumes verglichen. Wurzeln verhelfen dem Baum sowohl zu Stabilität als auch zu Nährstoffen.
Diese uns tragenden Füße haben von Natur aus viele Möglichkeiten, die in unserem Alltag oft nicht genutzt werden. So werden im Alltag selten Rückwärts- oder Seitwärtsschritte gemacht, auf einem Bein gestanden und in den meisten Fällen wird schon beim Gehen der Fuß nicht richtig abgerollt. Der Qi-Fluß und auch die Durchblutung und der Stoffwechsel in den Füßen werden immer schwächer, die Füße können ihre Aufgaben, die über das Tragen des menschlichen Körpers weit hinausgehen, nicht mehr richtig erfüllen. Das Gleiche gilt für die darüberliegenden Gelenke, deren Bewegung mit der Bewegung der Füße zusammenhängt. Probieren sie einmal aus, wie sehr sich die Bewegung, z. B. des Kniegelenkes, mit der Art wie Sie Ihren Fuß beim Gehen absetzen und anheben, ob sie ihn abrollen oder nicht, verändert.
Eine weitere chinesische Lehre sagt, dass alle Krankheit von der (Fehl-)Haltung des Kopfes kommt. Auch die Haltung des Kopfes wird im Taiji mit Leichtigkeit zu einem Optimum gebracht. Ich persönlich bevorzuge das Bild eines Kranes oder eines Engels (oder was immer Sie mögen), der uns an der höchsten Stelle des Körpers sanft zum Himmel zieht (bei langer und entspannter Wirbelsäule ist dies die Verlängerung der Wirbelsäule / Fontanelle). Es hat sich gezeigt, dass die Vorstellung, dass wir die Ausrichtung zum Himmel ausschließlich durch eine äussere Hilfe bekommen, ausgesprochen hilfreich dafür ist, diese Ausrichtung weitestgehend ohne Muskelkraft zu finden. Erst als im Laufe der Jahre dieses Vorstellungsbild im Unterricht bei mir entstand, ließen die letzten (und verständlichen) Versuche einiger TeilnehmerInnen nach, den höchsten Punkt zum Himmel zu schieben statt sich ziehen zu lassen. Selbst AnfängerInnen können dieses Bild in der Regel sehr schnell körperlich umsetzen.
Das wirkliche Aufhängen an dem höchsten Punkt macht überhaupt erst die Vorstellung des Herabschmelzens der Muskulatur an dem Knochengerüst möglich. Ist das Knochengerüst zum Himmel ausgerichtet, stehen wir mit wenig Muskelkraft stabil und entspannt, überlassen die Muskeln der Schwerkraft (sie schmelzen am Knochengerüst herunter) und bekommen damit sogar Spannungen in der Körpermitte gelöst eine wichtige Voraussetzung für den Fluss von Energie.
Dass mit letztgenanntem Vorstellungsbild auch den Folgen der dritten mir bekannten chinesischen Lehre, dass alle Krankheit aus dem Bereich der Wirbelsäule kommt, entgegen gewirkt wird, leuchtet sicherlich ein, wenn die Hintergründe dieser Lehre verdeutlicht sind.
Einer der Hintergründe für die Theorie, dass alle Verkörperlichung von Krankheit aus dem Rücken kommt, ist der, dass zwischen den Wirbeln jeweils beidseitig der Wirbelsäule aus ihrem Mittelkanal kommend Nervenstränge austreten.

Dass unsere Nervenbahnen gut funktionieren, Signale vom Gehirn zu Organen, Muskeln etc. und auch von dort zum Gehirn bringen, ist natürlich sehr wichtig für einen gesunden Körper. Das feine und vielschichtige Zusammenspiel vieler Elemente hängt u. a. auch stark mit freiem Informationsfluss in den Nervensträngen zusammen. Durch das Hochgezogenwerden des höchsten Punktes wird die Wirbelsäule lang nach oben gezogen und durch das Herabschmelzen der Muskeln kann sie gleichzeitig von der Erdanziehungskraft Gebrauch machen und sich Richtung Erde ziehen lassen. Die Wirbelsäule wird also sanft in zwei Richtungen (oben und unten) gebracht, so dass der Druck auf die aus ihr heraustretenden Nervenstränge als auch auf die Bandscheiben gelöst werden kann bzw. sich zumindest deutlich verringert.
Dass sowohl der Schwung unseres Ganges, unsere Körperhaltung und die Anspannung unserer Muskulatur in Zusammenhang mit unseren Stimmungen stehen, wird vielen LeserInnen bekannt sein. So wie unsere Stimmung unseren Körper drücken oder erheben kann, wirkt ein gestreckter lockerer Körper auch wieder förderlich auf eine lebensfrohe Stimmung. Bei jeder Taiji-Übung geht es um den blockadefreien Fluss des Qi, der Lebensenergie im gesamten ganzheitlichen System des Menschen.
Noch viele Vorteile des Taiji könnten genannt werden. Ganze Bücher sind damit gefüllt. Dies würde jedoch die Möglichkeiten einer Informationsseite erheblich übersteigen. Ich hoffe, Ihnen einen Eindruck der tief- und weitgreifenden Wirkung des Taiji vermittelt haben zu können.
Prinzipiell ist das Erlernen von Taiji in jedem Alter sinnvoll und möglich. "Die Übenden können unabhängig von Geschlecht, Konstitution oder Alter diese Kunst der Selbstverteidigung und Bewahrung ihrer Gesundheit praktizieren." Dennoch gibt es Erkrankungsgrade, in denen selbst die ausgewogenen Bewegungen des Taiji eine Vorbereitung brauchen bzw. zunächst einmal individuell ausgewählt werden sollten. Deshalb bitte ich Sie bei körperlichen Beschwerden vorher Ihren Arzt um Rat zu fragen.

In den von mir angeleiteten Kursen und Workshops lege ich zunächst einmal sehr viel Wert auf das Erlernen einer Körperhaltung, die dem Fluß des Qi (vitaler Energie oder Lebensenergie) förderlich ist, sowie dem Weiterentwickeln von Koordinationsvermögen, Gelenkigkeit, Muskelkraft und Entspannungsvermögen.

Zu Anfang mag das Wiederholen ungewohnter Bewegungsabläufe und Körperhaltungen der/dem Einen durchaus sogenannten Muskelkater einbringen oder auch sehr anstrengend erscheinen. Erfahrungsgemäß legt sich dieser Umstand sehr schnell und der Körper erinnert sich gut an die bislang erlernten Haltungen und Bewegungsabläufe. Desto öfter zum angeleiteten Training zusätzlich einfache Grundübungen durchgeführt werden, desto schneller wird natürlich das gewünschte Ergebnis der Leichtigkeit erreicht.
Zunächst einmal wird an dem Ablauf und Verständnis für Körperhaltung und Grundschritte gearbeitet. Da mir persönlich der Einstieg in die Partnerarbeit auch für die Körperhaltung völlig neue Wege eröffnete, wird nach einem Basiseinstieg sehr bald immer wieder ergänzend in Partnerübungen weitergegangen. Schritt für Schritt gehen wir langsam in das Erlernen einer Bewegungsfolge, der sogenannten Form, über. In den wöchentlich fortlaufenden Kursen gibt es unterschiedliche Schwerpunkte. Manche Stunden sind als Einstiegs- und Vertiefungsübungen der Grundbedingungen gedacht, manche beschäftigen sich mehr mit dem Erlernen einer Form. Alle Stunden ergänzen sich untereinander. An Formen biete ich für Beginner in den wöchentlich fortlaufenden Kursen das Erlernen der Form mit 37 Bildern nach Zheng Manqing/Cheng Man-Ch'ing oder eine Form mit 24 Bildern, die Peking- oder Beijing-Form, an. Für Fortgeschrittene üben wir die 42er Wettkampfform. (weiteres siehe unter "Seminare").
In der kurzen Bewegungsabfolge nach Zheng Manqing ist der fast schon tänzerische Anteil im Taiji nicht so leicht zu erkennen. Die Konzentration der/des Übenden kann sich immer wieder auf die Grundprinzipien des Taiji und damit auch auf den Blick nach innen wenden. Eine Folge hiervon ist das sich Sammeln und das Entwickeln von Zielstrebigkeit. In der Beijing-Form ist wiederum gerade der tänzerische Anteil von Vorteil, um leichter in den Bewegungsfluss zu kommen. So haben beide Formen ihre Vorteile. In beiden Formen lernen wir, durch harmonisches Einfügen in den Fluss des Lebens, ein kraftvolles und selbstbestimmtes Leben zu führen.
Bei regelmäßiger Anwendung wirkt Taiji krankheitsvorbeugend und fördert die Heilung von Seele, Geist und Körper. "Es heißt, dass (Taiji) uns den Geistesfrieden eines Weisen, die gesundheitliche Robustheit eines Holzfällers und die Gelenkigkeit eines Babys gibt."
Desto öfter und intensiver geübt wird, desto stärker ist auch die zu bemerkende Wirkung.
des Taiji quan liegt im Daoismus, der sich in jeder einzelnen Bewegung spiegelt. Ziel ist es, sich harmonisch in den Wandel des Lebens, das Wechselspiel von Yin und Yang, einzufügen.
Dieses Wechselspiel wird im Taiji körperlich z. B. in Form von ständiger Gewichtsverlagerung ausgeführt. Eines der Beine kann dann für die Yin-Qualität und eines für die Yang-Qualität stehen. Welches der beiden Beine dann als yin oder als yang bezeichnet wird, ist meiner Ansicht nach Interpretationssache. In der Literatur sind sowohl für das Standbein als auch das aktive, den Schritt machende Bein die Bezeichnung yin und yang zu finden. Der Interpretationshintergrund ist nach meinem bisherigen Wissen folgender:
Das aktive, den Schritt machende Bein kann als leer bezeichnet werden, weil dort in dem Moment kein Körpergewicht ruht. Leere kann als zum Yin gehörig betrachtet werden. Gleichzeitig ist dieses Bein jedoch auch aktiv und wird bewegt, was wiederum dem Yang zuzuordnen ist.
Für das Bein, auf dem während des Schrittes das Körpergewicht liegt, sind ebenfalls beide Deutungen möglich. Stille und Festigkeit entsprechen Yin, wegen der Gewichtung kann es aber auch dem Yang zugeordnet werden.
Erfreulicherweise hatte ich einmal die Gelegenheit, Meister Tian Liyang nach seiner Ansicht zu diesem Thema zu fragen. Er meinte: Sollte ich eine unterschiedliche Empfindung zu den beiden Interpretationsmöglichkeiten haben, hätte ich es noch nicht verstanden. Er sah es eben so wie ich, dass beide Interpretationen möglich sind und beide richtig sind.
An diesem Beispiel wird auch sehr schön, eines der in der Taiji-Monade (yin- und yang-Symbol) veranschaulichten Prinzipien, deutlich: Yin enthält immer auch Yang und Yang enthält immer auch Yin.
Taiji-Bewegungen erhalten noch viele weitere Wechsel von yang uns yin: oben und unten, links und rechts, außen und innen, vor und zurück. Das Fliessen des Lebens findet sich in allen Ebenen wieder.
Yin braucht Yang und Yang braucht Yin. Durch das körperliche Nachempfinden dieses ständigen Veränderns und dieses sich gegenseitigen Bedingens, wachsen wir immer weiter in den Wandel des Lebens hinein. Im Idealfall bleibt trotz der Wahrnehmung der Extreme - die Sammlung im Energiezentrum, dem Dantian, bestehen. Gerade das Durchleben der Wechsel mit der gleichzeitigen Wahrnehmung der Körpermitte gibt uns Flexibilität und dadurch auch Stabilität. Wir lernen, zu kontrollieren, ohne dabei starr zu werden. Taiji ist also eine hervorragende Möglichkeit zu Ruhe und Kraft zu kommen, um (wieder) die eigene Mitte zu finden, flexibel zu bleiben oder zu werden und neue Blickwinkel zu bekommen.
Schon ganz einfache Grundübungen, die diese Prinzipien beachten, haben grosse Wirkung, weshalb vereinfachtes Training bei eventuellen körperlichen Einschränkungen ebenfalls sinnvoll ist und gute Verbesserung der Lebensqualität bringt.
Taiji ist ein ganzheitlicher Gesundheitssport, eine Lebensphilosophie.
Einer der vielen Übersetzungsversuche des Begriffes "Dao", der vielleicht gerade wegen seines Unkonkreten die Bedeutung am genauesten darstellt, ist "Der Weg". Eine weitere mir bekannte Übersetzung lautet: "Die Wirkungsweise des Kosmos". Auf dem Zusammenspiel von Yin und Yang beruhen die Lehren des Yi Ging (I Ging).
Unterschiedliche Schulen und Stile
Ursprünglich lernte ich Taiji so kennen, dass ein Fortschreiten in unterschiedlichen Graden erfolgt. Demnach sollte erst auf das Erlernen von Soloformen die Partnerarbeit sogenannte Pushing Hands (chinesisch: Touishou, übersetzt: Schiebende Hände) - erfolgen. Durch das mir später begegnende, wunderbare Lernen bei William Chi-Cheng Chen und vor allem seiner Schülerin, Brigitte Krafft, wurde mir sehr deutlich, dass es schon sehr viel früher Wege zum Erlernen des Pushing Hand gibt und dies auch sehr sinnvoll ist (siehe dazu auch weiter oben). Die Pushing Hand-Übungen (Touishou) gibt es mit festem Stand, dem Festschritt, oder mit bewegtem Schritt, dem Aktivschritt, - und Sanshou (Übersetzung: Freies Schlagen).
In der Soloform geht es darum, sich selber und den Fluß des Qi kennenzulernen. In Partnerübungen kann das in Grundübungen oder der Soloform Erlernte sehr eindrücklich und klar für sich selbst überprüft und vertieft werden, was dann wieder der Soloform zuträglich ist.
Es gibt verschiedene Stile und Formen im Taiji, die mit und ohne Waffen (Taiji quan - ch'üan/quan = Faust, also ohne Waffe) oder mit anderen Werkzeugen ausgeführt werden können. Von der Faust über den Stock, Schwert, Säbel, Fächer bis hin zum Ball sind vielerlei Werkzeuge zu finden.
Taiji hat sich im Laufe der Jahrhunderte immer weiter entwickelt, so dass es nicht "die Überlieferung" gibt. Bereits innerhalb des Taiji quan (waffenlos) gibt es mehrere Schulen/Stile, von denen ich zum Verständnis hier eine kurze Einführung geben möchte: Der Lao-Jia (Alter Rahmen) oder auch Chen-Stil dürfte die Grundlage vieler heutiger Stile sein. Er wurde innerhalb der Familie Chen entwickelt. Die Bezeichnungen der Stile leiten sich von den Familiennamen, der Familien, die sie entwickelt oder verfeinert haben, ab.
Der Chen-Stil ist durch fließenden Wechsel von Bewegungen mit Krafteinsatz zu Bewegungen ohne Krafteinsatz und von plötzlichen Sprüngen zu langsamen, weichen Bewegungen gekennzeichnet. Aus dem Chen-Stil entstand der Yang-Stil. Yang Lu-Chan lernte in der Chen-Schule bei Meister Chen Chang-Xin. Yang Lu-Chan wiederum lehrte seinen Enkel, der aus dem Chen-Stil den Yang-Stil entwickelte. Der Name dieses Enkels ist Yang Cheng-Fu. Der Yang-Stil gehört zum Großen Rahmen (Da-Jia), der gekennzeichnet ist durch natürliche und gestreckte Haltungen, langsame, gleichmäßige und fließende Bewegungen sowie schwunghaften Bewegungsablauf mit Ausgewogenheit zwischen Gewandtheit und Standhaftigkeit wie beim Chen-Stil. Der Yang-Stil ist der zur Zeit in Europa am weitesten verbreitete. Aber auch der Chen-Stil gewinnt immer mehr Popularität.
Des weiteren gibt es noch den Mittleren Rahmen (Zhong-Jia), zu dem der Wu-Stil nach Quan-You und Jian-Quan gehört, und den Kleinen Rahmen (Xiao-Jia). Der Mittlere Rahmen beinhaltet eine gemäßigte Haltung und ausgeprägte Bewegungen. Die schnellen und gewandten Bewegungen des Kleinen Rahmens haben kurze Reichweiten. Hierzu gehören der Wu-Stil nach Wu Yu-Xiang und der Sun-Stil nach Meister Quan-You aus dem Mandschu-Volk und dessen Sohn Jian-Quan, der später den chinesischen Familiennamen Wu annahm.
Alle Stilrichtungen und Schulen kennenzulernen würde eine größere Zeitspanne als eine durchschnittliche Lebensdauer übersteigen. Auch nur eine Schule wirklich zu erforschen betrachte ich persönlich als eine sehr langfristige, wenn nicht eine Lebensaufgabe auch wenn ich in die eine oder andere Schule noch gerne hineinschauen möchte oder dies zum Teil schon getan habe. Die von mir aktuell angebotenen Kurse beschäftigen sich im Bereich Taiji quan zur Zeit hauptsächlich mit Formen aus dem Yang-Stil. Die 42er Wettkampf-Form beinhaltet jeweils Anteile aus mehreren Stilen. Im Bereich des Waffenkampfes biete ich das Erlernen der 32er Schwertform und der 42er Wettkampf-Schwertform sowie Fächerformen nach Li Deyin an.
Trotzdem Taiji eine auf sehr altem Wissen beruhende und eine schon lange existierende Gesundheitsübung ist, ist die heutige Publizität von Taiji in China nach meinem Wissen zu einem großen Teil Professor Li De Yin, bei dem ich auch schon einige Kurse besuchen durfte, zu verdanken. Er brachte diese Bewegungsform in den 50er Jahren an die Renmin-Universität, um sie in der Bevölkerung bekannter zu machen. Aufgrund der großen Wirksamkeit des Taiji wurde von dort aus für eine Verbreitung der Taiji-Übungen innerhalb der Bevölkerung Chinas gesorgt.
Unterschiedliche Schreibweisen
Sicher fragte sich der oder die eine oder andere schon einmal, wie es kommt, dass es unterschiedliche Schreibweisen des gleichen Begriffes gibt. Oder womöglich fragt sich jemand, ob die Begriffe T'ai- chi ch'üan, Taichi chuan und Taiji quan wirklich das Gleiche meinen. Ja, sie meinen das Gleiche.
Die unterschiedliche (Buchstaben-)Schreibweise ist darauf zurückzuführen, dass es sich beim Chinesischen um eine Symbolschrift handelt, für die es keine 1 : 1 Übersetzung im Lateinischen gibt. Im Laufe der Zeit sind unterschiedliche Arten der Umschrift erfolgt. Aufgrund des Bekanntheitsgrades der alten Schreibweise schloss ich mich lange Hermann G. Bohn, einem Schüler von Song Zhi Jian, an und nutzte für diese Begriffe die ältere Form der Wade-Umschrift (T'ai-chi ch'üan). Grundsätzlich halte ich jeodch eine einheitliche Umschrift für sinnvoll und schloss mich deshalb irgendwann der modernen und im gesamten heutigen China gelehrten Pinyin-Umschrift an. Denn: Immer wieder kommt es vor, dass ich mich beim Schmökern gerade in älterer Literatur - frage, welches Wort jetzt genau gemeint ist. Oft ist es zwar aus dem Zusammenhang zu vermuten, leider aber nicht immer. Wird in älterer Literatur das Wort "Chi" benutzt, ist damit oft Energie, also "Qi" (Pinyin) gemeint. Aber eben nicht immer. Manchmal könnte beispielsweise auch "Xi", also Atmen, oder vieles mehr gemeint sein. Da die moderne Pinyin-Umschrift (Taiji quan) inzwischen auch außerhalb Chinas immer bekannter wird und sie eindeutige Umschreibregeln enthält, habe ich mich inzwischen entschieden, sie zu wählen. Ergänzend kommt hinzu, dass der Begriff "Tàijí" auch tatsächlich so ausgesprochen wird. Taiji quan wird in etwa "Taiji tschüan" ausgesprochen.
Soweit mir bekannt ist, gab/gibt es über die Wade-Gilles und Pinyin-Umschrift hinaus noch weitere Arten der Umschriften, über die mir jedoch keine weiteren Informationen vorliegen.
Für uns Europäer ist es oft sehr schwierig die Bedeutung chinesischer Schriftzeichen in vollem Umfang zu erfassen oder deren Bedeutung in kurzen Worten wiederzugeben. Chungliang Al Huang erklärt die Schriftzeichen Taiji/T'ai-chi wie folgt:
Tai
Das Wort "Tai" besteht aus einem Symbol. Es ähnelt dem Körper eines Menschen, der sich weit öffnet und sich zugleich auf die Quelle seiner Lebenskraft (Xia Dantian) in seiner Mitte konzentriert.
Ji
Das Wort "Ji" besteht aus zwei Symbolen. In dem linken dieser beiden Zeichen können wir uns mit einem wachsenden Baum vergleichen.
Von den Wurzeln
(unsere Füße und Beine)
über den Stamm
(unser Becken und unser Oberkörper)
breiten wir uns aus mit Ästen und Zweigen
(unsere Arme und unsere Hände)
mit Blättern, Blüten und Früchten
(unsere grenzenlosen schöpferischen Ausdrucksmöglichkeiten).
Das rechte der zwei Symbole sagt uns, dass
wir nicht vergessen sollten,
demütig zu bleiben,
wenn wir über uns hinauswachsen,
uns mit dem Himmel (oberer Querstrich)
und der Erde (unterer Querstrich)
vereinen (wie das Quadrat, das in einen Kreis übergeht),
uns ständig mit ihnen austauschen
(unendliche Achterschleife)
und so unsere Energie erneuern.
Diese zwei Symbole zusammen versinnbildlichen das ständige Achtsam-in-sich-Hineinhorchen, auf dass diese Meditation in der Bewegung unablässig vollkommener wird. (...) (Ji) ist eine Landkarte, ein Wegbereiter; (Ji) zeigt uns, was wir von unserem Körper lernen können, es bringt das dem Körper angeborene Wissen, seine Weisheit zum Ausdruck. (Taiji) heißt wörtlich: Das Höchste, das Vollkommene in der praktischen Erfüllung des täglichen Lebens.
Toyo und Petra Kobayashi sagen dazu: Die Grundbedeutung der chinesischen Schriftzeichen T'ai und Chi ist "groß" und "Balken" (Firstbalken). Im I Ging heißt es dazu: "Mit dieser Linie, die an sich eins ist, kommt eine Zweiheit in die Welt. Zugleich mit ihr ist oben und unten, rechts und links, vorne und hinten kurz, die Welt der Gegensätze gesetzt."
Ein weiterer der vielen Versuche, Taiji für uns zu übersetzen, der mir schon sehr oft begegnet ist, ergibt dieses: Taiji bedeutet "Das höchste, vom menschlichen Verstand nicht begreifbare, Prinzip".
Zusammen mit der Übersetzung von Chungliang Al Huang, dem darin hergestellten Bezug zum praktischen Leben und den erklärenden Worte von Toyo und Petra Kobayashi kann dies vielleicht der tatsächlichen Bedeutung des Begriffes Taiji einigermaßen nahe kommen.
Das Yin-Yang-Symbol

wird auch als die "Taiji-Monade" bezeichnet.

